4. Passionsandacht

Wanne-Eickel, 25.03.2020
„Fürchte dich nicht, denn ich stehe dir bei; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ich helfe dir, mit meiner siegreichen Hand beschütze ich dich!“

(Jesaja 41,10 – Übersetzung: Hoffnung für alle)

Liebe Leserinnen und Leser,


der Satz „Jede Krise ist auch eine Chance“ begegnet uns in den letzten Wochen immer wieder. Er klingt gut, macht Mut. Er will uns hoffnungsvoll auf die Zeit danach – nach der Krise – einstellen und diese schwierige Phase so nutzen helfen, dass daraus noch ein „Gewinn“ entsteht.
Aber ganz ehrlich: Ich mag keine Krisen. Und da bin ich sicher nicht der Einzige. Wer mag sie schon, diese Krisen in Beziehungen und Ehen, um Finanzen und den Arbeitsplatz, Gesundheit und Alter, der eigenen Seele oder der Sorge um die Schwachheit des anderen? Solche Krisen und Sorgen um sich oder andere sind ungemein anstrengend. Wir erleben es zurzeit weltweit, wie Menschen um sich und ihre Freunde in Panik und Angst geraten. Das Hamstern von Toilettenpapier ist nur äußerer Ausdruck von innerer Hilflosigkeit. Tief im Innern der Menschen spielen sich ganz andere Szenen ab: Verlustängste, innerer Rückzug, der sich dann in Einsamkeit äußert, Angst, zu schwach zu sein oder zu werden. Nein, Krisen sind nicht schön. Und der Spruch „Da muss man durch“ hilft letztlich auch nicht wirklich. Denn alles, was man „muss“, ist wieder mit enormer Anstrengung verbunden, kostet Kraft, Nerven, Aufbäumen. Sich einer Herausforderung gelassen zu stellen, gelingt nicht jedem; und sich mit der Frage von Leid oder gar Tod zu beschäftigen, gehört auch in einer aufgeklärten Gesellschaft wie in Deutschland zu den Tabuthemen. Wie ist das also mit der Chance? Ich habe mich gefragt, gab es eigentlich im Leben von Jesus Krisen? Auf der Suche nach einer Antwort bin ich recht schnell fündig geworden. Schon kurz nach seiner Taufe im Jordan – man könnte sagen, seiner Beauftragung durch Gott – wird ihm das Leben schwer gemacht. In Gestalt des Teufels – also des Gegners Gottes – wird Jesus auf trickreiche Weise herausgefordert, nur sich und seinen Vorteil zu suchen; was sollten ihn schon die Menschen kümmern. Oder: In den Diskussionen mit Schriftgelehrten und Menschen der Zeit war er stets in der „Erklärungs- und Aufklärungsrolle“ über Gottes Liebe und Treue. Jesus sprach von Gottes Freundschaft und nicht über Buchstabentreue, von Gottes Umarmung, ja, seiner Zuwendung und nicht von seinen Forderungen. Und zuletzt wird Jesus wenige Stunden vor seiner Gefangennahme deutlich: Der Tod – sein Tod – ist nahe. In dieser Erzählung aus dem Garten Gethsemane wird von Jesu tiefster Herausforderung, von seiner größten Not berichtet. Dort ringt er mit Gott um das zeitliche Überleben, betet, bis ihm der Schweiß zu Blut wird, und ist in all dem ganz allein, auch von seinen Jüngern verlassen. Für mich hat diese Geschichte nicht nur heute eine große Bedeutung. In der Übersetzung von Martin Luther steht am Ende aller Einsamkeit und der Gebete Jesu das große Wort: „Es ist genug.“ Darin steckt nicht die Aufgabe, die Annahme des Scheiterns und auch nicht der Ausdruck von Resignation, sondern die tiefe Hinwendung Jesu zu seinem Vater, von dem er sich begleitet weiß.Liebe Leserinnen und Leser, ich bin mir sicher, Gott kennt unsere Not, unsere Krise, unsere Fragen und erst recht unsere Angst um Leben und Zukunft. Das war bei Jesus so und das ist heute so. Und wenn wir so wie Jesus mit Gott ins Gespräch gehen, ihm unser Leid klagen, verstummt unser Herz bringen oder aus Verzweiflung weinen, wird er uns hören und antworten. Bei Jesus war es ein Aufstehen und Annehmen des Weges und es war zugleich ein Durchschreiten aller Tiefen – bis, ja, bis zum Ostermorgen. Das Ende der Passion – allen Leides – war der Sieg. Nein, nicht die Not hatte gesiegt, sondern Gottes Versprechen: Ich sorge für dich, ich weiche nicht von dir, du bist mein Sohn. Das, liebe Leserinnen und Leser, gilt bis heute. In einem alten Vers aus dem Buch Jesaja steht die Zusage:

Fürchte dich nicht, denn ich stehe dir bei; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!

Wenn ich das so in meinen und unseren Krisen höre, dann wird mir der Spruch „Jede Krise ist auch eine Chance“ ein stückweit „sympathisch“. Ich höre, dass Gott Ihnen und mir seine Nähe nicht versagt, auch wenn wir Nähe im Moment zu anderen Menschen meiden müssen, dass wir trotz aller Abgeschiedenheit in unseren Wohnungen nicht alleine sind, weil Gott da ist – nur ein Gebet entfernt. Ja, ich höre, dass er Ihnen und mir Kraft und Hoffnung ist, die über aller Hilflosigkeit und Ohnmacht steht. Wollen wir uns doch nicht nur heute – wo uns diese Krise besonders lähmt – von Gottes Wort der Zuwendung und Begleitung aufrichten lassen und gestärkt unseren Weg mit ihm gehen.

In einem Lied heißt es im Refrain voller Gewissheit:
„Ich lasse mich fallen, tauch ein in deinen Liebesstrom.
Es ist nicht nur Fühlen, sondern Wissen:
Du bist da!“

Herzliche Grüße
Ihr Pfarrer Günter Mattner

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